Aktuelles

Zugedröhnte Piraten und knifflige Manöver - 10c des MBW in Gemünden besuchte vier Tage lang Kiel

Vier Tage lang hieß es für die 25 Realschülerinnen der Klasse 10 c des Mädchenbildungswerks (MBW) in Gemünden „Schiff Ahoi“. Sie hatten bei den 10. Berufsinformationstagen eine viertägige Fahrt nach Kiel gewonnen. Dabei besuchten sie auch den Betriebsstofftransporter „Spessart“, seit 30 Jahren das Patenschiff des Landkreises.

Die erste Lektion gab es für die Schülerinnen gleich zur Begrüßung. In Kiel sagt man nicht „Guten Morgen“, „Hallo“ oder gar „Grüß Gott“. Hier heißt es „Moin Moin“. Egal, ob die Sonne gerade aufgeht, oder es draußen schon wieder dunkel wird. Aber das war bei Weitem nicht das einzige, das die Schülerinnen bei ihrem viertägigen Aufenthalt auf dem Marinestützpunkt in Kiel gelernt haben.

Die jungen Frauen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren, die bei ihrem Ausflug auch von Landrat Thomas Schiebel und seinem Stellvertreter Manfred Goldkuhle begleitet wurden, bekamen zahlreiche Einblick in das Berufsleben eines Soldaten bei der Marine. Den Anfang machte ein Besuch auf dem Tender „Werra“, wo die Mädchen sich auf der Sanitätsstation bei Obermaat Annegret Völker, genau über die Rolle der Frau in der Bundeswehr informierten. Die junge Frau berichtete offen über ihre Erfahrungen an Board und erzählte von ihren zahlreichen Auslandsaufenthalten.

Auch die Besatzung der „Spessart“ hat schon viele Auslandseinsätze hinter sich gebracht. Allen voran der 62-jährige Kapitän Wolfgang Schmid, der die Mädchen vor dem mächtigen grauen Betriebsstofftransporter begrüßte. Die „Spessart“ besitzt zwar die Kennung eines Marineschiffes wird aber unter ziviler Besatzung geführt. 130 Meter lang und gut 20 Meter breit, kann das Schiff über 10 000 Tonnen Treibstoff mitführen, den sie dann auf hoher See an andere Schiffe abgibt.

Ein kniffliges Manöver. Vor allem bei rauem Seegang. Dass es auf See aber nicht nur bei einer steifen Brise rau zugehen kann, musste die Besatzung bei ihrem letzten Einsatz im Golf von Aden erleben. Im März war das deutsche Schiff dort, als erstes Marineschiff überhaupt, von Piraten angegriffen worden. In der Offiziersmesse zeigte Kapitän Schmid den Schülerinnen eindrucksvolle Bilder vom Geschehen im März. „Wir haben gerade einen Grillabend auf dem Achterdeck vorbereitet“, erinnert er sich, „als die Piraten wie aus dem Nichts auftauchten“.

„Wenn mir jemand eine Pistole an den Kopf hält, fahr ich ihn, wohin er will. Auch ohne lange zu fragen“ Wolfgang Schmid, Kapitän der Spessart.

Sieben Mann in einer besseren Nussschale schossen mit ihren Kalaschnikows auf die „Spessart“, wollten das Schiff über eine Leiter entern. Aber die sechs Soldaten, die die zivile Besatzung der „Spessart“ bei solchen Einsätzen ergänzen, erwiderten das Feuer. Die Piraten ergriffen die Flucht. Die „Spessart“ setzte zur Verfolgung an und rief über Funk Verstärkung herbei. Neben den Kalaschnikows hatten die Piraten auch eine Panzerfaust an Board. Ansonsten jede Menge Treibstoff, ein Kanister mit Wasser und Kath, eine Droge. „Die waren total zugedröhnt“, vermutet Kapitän Schmid, „andernfalls hätten sie die „Spessart“, die weithin als Marineschiff erkennbar ist, sicher nicht angegriffen“.

Zwischen 50 und 100 000 Euro kostet, laut Schmid, ein solcher Angriff. Bei einem zu erwartenden Lösegeld von zwei Millionen Euro ein gutes Geschäft, vor allem für die Hintermänner der Piraten. Kapitän Schmid hätte nichts riskiert, wäre es den Piraten gelungen, die „Spessart“ zu kapern. „Wenn mir jemand eine Pistole an den Kopf hält, fahr ich ihn, wohin er will. Auch ohne lange zu fragen.“

Anhand solcher Extremsituationen wird deutlich, wie wichtig es für die 42 Mann starke zivile Besatzung der Spessart ist, sich für den Einsatz fit zu halten. Zum Training gehört es auch, einmal im Monat das Anlegen der Rettungsweste in einem Schwimmbad der Marine zu üben. Klingt eigentlich ganz einfach. Doch die dünnen blauen Westen, die sich einige Schülerinnen einmal an Land überstreifen durften, haben es in sich. Nach ein paar Handgriffen sahen die Mädchen von Kopf bis Fuß aus wie orangefarbene Michelin-Männchen.

Der erste Offizier der „Spessart“, Rolf von Bebern, führte die Gruppe anschließend in das Herzstück der Spessart, die Brücke. Von dort wird das Schiff gesteuert. Es bietet sich aber auch ein beeindruckender Ausblick über den Marinestützpunkt, wo neben der Spessart noch einige andere Schiffe vor Anker liegen. Das Patenschiff des Landkreises wird übrigens maximal noch bis 2018 zur See fahren, danach wird es ausgemustert. Ob es dann wieder ein Schiff mit dem Namen „Spessart“ gibt, steht noch in den Sternen.

Dass in Zukunft jungen Frauen aus dem Landkreis Main-Spessart bei der Marine ihren Dienst tun, ist dagegen gar nicht so abwägig. Die Zwillingsschwestern Anna und Laura Diebowski (17 Jahre) hatten schon vor dem Ausflug mit ihrer Klasse nach Kiel mit einem Job bei der Bundeswehr geliebäugelt. Nach dem Besuch bei den Spezialisierten Einsatzkräften der Marine in Eckernförde können sie sich jetzt auch eine Ausbildung zum Boardingsoldaten vorstellen. „Fit genug halte ich mich ja“, so Laura Diebowski. Der Rest der Klasse hat, auch wenn es ihn nicht zur Marine zieht, in diesen vier Tagen zahlreiche Eindrücke gesammelt. Und vor allem gelernt, dass es, egal welche Stunde gerade schlägt, in Kiel immer heißt: „Moin Moin“.

Von unserem Redaktionsmitglied Nadine Klikar