Aktuelles

KIEL/MAIN-SPESSART

„Zuerst dachte ich, die wollen uns doch nicht angreifen? Aber, die wollten es doch!“. So schilderte Kapitän Wolfgang Schmid den Schülerinnen des Gemündener Mädchenbildungswerkes den Piratenüberfall auf die „Spessart“ im Golf von Aden. Nie zuvor war ein anderes Marineschiff von Piraten angegriffen worden.

„Eigentlich wollten wir hier an dieser Stelle ein kleines Bord-Grillfest feiern“, berichtet Kapitän Schmid. Dort, wo im vergangenen März die Besatzung der Spessart den Grill aufgebaut und zum Schutz vor zuviel Sonne über dem Achterdeck ein Sonnensegel gespannt hatte, stehen heute die Schülerinnen der Klasse 10c der Realschule am Gemündener Mädchenbildungswerk und trinken Spezi, Cola oder Limo. Gebannt lauschen sie den einführenden Worten von Kapitän Schmid zum Überfall der Piraten auf die Spessart. Mehr hat der 62-jährige erfahrene Kapitän den 15- und 16-jährigen Schülerinnen und Landrat Thomas Schiebel, der die Fahrt zwei Tage lang begleitete, anschließend in der Offiziersmesse des Schiffes zu erzählen. Untermalt mit einigen Fotos.

„Plötzlich waren sie da“, berichtet Wolfgang Schmid den gespannt lauschenden Zuhörerinnen. Sieben somalische Piraten in einem kleinen Boot. Bewaffnet mit einer Panzerfaust und Schnellfeuergewehren. Sie wollen längsseits des Schiffes gehen, das sie mit ihren mitgebrachten Leitern kapern wollen. Zur Warnung geben sie eine Salve von etwa zehn Schuss in Richtung der Spessart ab. „Wo die aber hingegangen sind, weiß keiner“. Glücklichweise wurde das Schiff nicht getroffen. Mit den Bordwaffen erwidert die Besatzung der Spessart das Feuer. Die Piraten setzen sich ab, gefolgt von dem Marineschiff. Nun sind sie es, die gejagt werden. Nicht nur von dem deutschen Schiff, das sie in ihre Gewalt bringen wollten. Auch andere Schiffe der „Atalanta-Mission“ sowie Hubschrauber beteiligen sich und bringen sie nach kurzer Zeit auf.

„Die hatten nur etwas Treibstoff, einen Kanister mit Wasser, keinerlei Verpflegung, dafür aber jede Mange Kath an Bord“, erzählt der Kapitän. Kath ist eine Kaudroge, die im Jemen und in Äthiopien sehr verbreitet ist. Für ihn steht fest, „die waren zugedröhnt“. Anders kann sich der erfahrene Kapitän den Angriff auf sein Schiff nicht erklären. „Piraten machen sonst einen großen Bogen um Marineschiffe“, weiß er. Und dass es sich bei der Spessart um ein solches handelt, war weithin erkennbar.

„Nur Schiffe der Marine haben einen grauen Anstrich und große weiße Zahlen am Bug und Heck“. Doch weder das eine noch das andere haben die Angreifer wohl erkennen können. „Die haben wahrscheinlich nur noch eine Silhouette wahrgenommen“. Auch das es sich um eine organisierte Aktion handelte, scheint für den Kapitän klar zu sein. „Etwa 50.000 bis 100.000 Euro“ kostet nach seinen Worten ein solcher Überfall. Bei einem erzielbaren Lösegeld von rund zwei Millionen Euro ein lukratives Geschäft. Während die Piraten angeworben werden und praktisch nichts zu verlieren haben, sitzen die Hintermänner in sicherer Entfernung auf dem Festland.

„Wenn mir jemand eine Pistole an den Kopf hält, fahr ich ihn wohin er will, ohne lange zu fragen“, antwortete Kapitän Wolfgang Schmid auf die Frage, was geschehen wäre, wenn die Piraten die Spessart gekapert hätten. Schließlich trägt ein Kapitän nicht nur die Verantwortung für sein Leben, sondern auch die für weitere 42 Besatzungsmitglieder und das Schiff.

Herbert Hausmann